1. Kapitel: Für einen Schluck Wasser_Auszug aus den Tagebüchern des Chronisten Maxim
Vortag der 2. Expedition
Es ist soweit. Unsere erste Expedition. Ein Leben lang haben die anderen und ich in der Arche gelebt ohne sie je zu verlassen. Die Welt außerhalb kennen wir nur von Geschichten am Lagerfeuer oder aus den Erzählungen des Ältesten. Wie oft habe ich davon geträumt durch die Zone zu wandern, Seite an Seite mit meinen Freunden und die Schätze der Altvorderen zu finden. Jetzt ist es soweit.
Seit drei Wochen haben wir nichts mehr von Vorhan und seiner Gruppe gehört. Vielleicht sind sie tot, vielleicht vermisst - es macht keinen Unterschied. Uns geht das Wasser aus. Nafta, Krin, Otiak, Anny sind mit mir. Krin der Stalker wird uns führen und Elona hat uns ihre Sklavin Fils mitgegeben - wahrscheinlich um uns zu überwachen. Mir soll es Recht sein. Je mehr wir sind desto besser. Im Morgengrauen brechen wir auf.
Tag 1: irgendwo in der Zone
Wir sind den ganzen Tag gelaufen. Die Zone übertrifft alle meine Erwartungen. Die meiste Zeit bin ich zu erschöpft oder zu ängstlich um sie richtig wahrzunehmen. Aber während den Pausen sauge ich alles in mich hinein. Heute bin ich zu kaputt um mehr zu berichten. Meine Füße bringen mich um. Hoffentlich geht heute Nacht alles gut.
Tag 4: irgendwo in der Zone
Ich komme endlich dazu ein paar Zeilen zu schreiben. Die letzten Tage waren ein einziger Alptraum. Seit der ersten Nacht werden wir von einer Meute Guhls verfolgt. Nachts, während wir schlafen folgen sie unseren Spuren und versuchen uns zu überraschen. Vor zwei Tagen waren sie so nah, dass ich sie hören konnte. Wir müssen ständig auf der Hut sein. Keiner bekommt viel Schlaf. Ohne Otiak und seine Sonar-Mutation wären wir schon tot.
Tag 5: in der Zone, kurz vor dem Ziel?
Heute Nacht haben uns die Guhls in Ruhe gelassen. Vielleicht haben wir sie abgehängt. Jedenfalls habe ich seit langer Zeit mal wieder vier Stunden am Stück geschlafen. Krin sagt es ist nicht mehr weit. Sobald der Morgen graut brechen wir auf.
Tag 6: auf der Insel
Wir haben es geschafft! Meine Worte können meine Begeisterung nicht annähernd beschreiben. Wir haben Wasser gefunden und die Überlebenden der ersten Expedition. Welch ein Erfolg.
Ich will versuchen der Reihe nach zu erzählen. Heute Morgen (ist das wirklich heute Morgen passiert? Es fühlt sich an als wäre es drei Tage her), kurz vor Sonnenaufgang, erreichten wir die Insel. Naftas Peilsender bestätigte uns dass sich der Transponder der ersten Expedition auf der Insel befand. Erneut war es Krin der uns durch das schwarze Wasser führte ohne dass einer von uns ertrank. Doch wir waren kaum am Ufer angelangt als wir angegriffen wurden. Wieder waren es Guhls. Mindestens so viele wie wir selbst. Sie tauchten zwischen den Gebäuden auf und stürmten kreischend auf uns zu. Beim Anblick ihrer bleichen Gesichter ist mir schier das Herz stehen geblieben. Wie Nafta mit später erzählte muss ich wohl Otiak angebrüllt haben die “Bastarde fertig zu machen” - ich kann mich nicht mehr daran erinnern um ehrlich zu sein. Otiak jedenfalls ist losgestürmt und hat den ersten der Bleichhäute derart mit der Axt erwischt dass dieser rückwärts den Strand entlang geschleudert wurde - direkt in vor die Füße seiner Kameraden. Was für ein Hieb! Die Guhls standen da wir vom Blitz getroffen. Aller Kampfgeist war aus ihnen gewichen und sie flohen genauso schnell wie sie gekommen waren. Otiak stand einfach nur da mit seiner riesigen Axt als würde er so etwas jeden Tag machen. Unglaublich.
Naftas Apparatur lokalisierte den Transponder der ersten Expedition seltsamerweise auf der Spitze eines großen Schornsteins. Anny erklärte sich bereit hinauf zu steigen während wir unten Wache hielten. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Anny war eine Ewigkeit dort oben und als Nafta hinterhersteigen wollte brach eine Sprosse und sie verstauchte sich den Knöchel. Schließlich kam Anny herunter, mit schlechten Neuigkeiten. Oben lagen zwei Leichen in einer Art Nest, eine davon war Vorhans. Das allein hätte uns Warnung genug sein sollen schleunigst aus dem Freien zu verschwinden. Doch wir Hohlköpfe begannen zu diskutieren und über Vorhans Zeug zu verhandeln. Das Kreischen des fliegenden Monsters, dessen Nest wir geplündert hatten, holte uns in die Realität zurück. Anny sah das Biest und schaffte es sogar einen Schuss auf das Monster abzugeben, während ich mich flach auf den Boden schmiss. Dann war der riesige Vogel aber auch schon auf ihr drauf und bohrte Anny seine Krallen in die Schultern. Ich bin mir sicher dass das Biest sie in die Höhe reißen wollte, doch das gelang ihm nicht. Anny war zu schwer und wurde lediglich ein paar Meter nach hinten geschleudert. Wir rappelten uns auf und rannten Hals über Kopf in das nächste Haus.
Dort stießen wir auf die verbleibenden Mitglieder der ersten Expedition, Nelma, Lambda und Grit, die sich in einem Lagerraum verschanzt hatten. Die Situation eskalierte augenblicklich. Nelma, Lambda und Grit hatten augenscheinlich viele Tage in diesem Raum verbracht, ausgehungert und am Verdursten. Nelma war am Rande des Wahnsinns. Sie begann sofort damit uns Befehle zu erteilen und als sie Vorhans Waffe über Annys Schulter hängen sah geriet die Situation völlig aus dem Ruder. Nelma packte Anny. Anny riss sich los und hetzte Splinter auf Nelma. Grit, die anscheinend nur darauf gewartet hatte, begann auf Nelma einzuprügeln. Otiak ließ sich nicht zweimal bitten und gemeinsam zwangen sie die bärenhafte Nelma in die Knie. Ich versuchte noch sie zur Vernunft zu bringen aber inmitten der Rauferei fanden meine Rufe kein Gehör. Es war brutal aber danach herrschte erst einmal Ruhe.
Nachdem wir Grit und Lambda mit Essen und Wasser aus unseren Vorräten notdürftig versorgt hatten (die blutende Nelma nicht) erzählte uns Lambda die Geschichte der ersten Expedition. Henni wurde noch in der Zone von einem Bitterbiest gerissen; Vorhan beim Betreten der Insel vom Greifvogel getötet. Tiefer im Gebäude lagen Wasserbecken voller Frischwasser. Beim Versuch Proben zu nehmen wurde die Gruppe von einer Horde Guhls angegriffen und Karl von einem Wurmschwarm in die Tiefe gezogen. Seitdem harrten die Überlebenden hier aus.
Nach einer längeren Diskussion beschlossen wir die Guhls erneut zu konfrontieren, eine Kooperation auszuhandeln falls möglich und alle zu töten, falls nicht. Nafta und Lambda überprüften unsere Waffen und bauten jeder eine behelfsmäßige Fackel - eine Vorsichtsmaßnahme die sich später als lebensrettend erweisen sollte. Auch der blutenden Nelma boten wir unsere Hilfe an im Gegenzug für ihre Kooperation. Sie willigte ein und ich verarztete ihre Wunden notdürftig. Obwohl sie schwer angeschlagen war, war sie gewillt uns zu begleiten und eine Fackel zu tragen. Nach kurzem Zögern willigten wir ein, was sich ebenfalls als waren Glücksfall erweisen sollte. Gemeinsam verließen wir unser Versteck.
Lambda hatte nicht gelogen. Das Wasserreservoir von dem er gesprochen hatte war riesig. Ich brauchte nicht zu kosten; der Geruch allein reichte aus mir den Mund wässrig zu machen. Die Guhls erwarteten uns schon. Im Licht der Fackel sahen wir lediglich ihrer Schemen. Doch ihr Knurren und Stöhnen erfüllte die ganze Halle. Sekunden verstrichen die sich wie Tage anfühlten und dann hörte ich zu meinem Erstaunen einen Schwall Worte in derbem Dialekt. So lautete das Gespräch:
Wie könnt ihr es wagen hier erneut einzudringen?
Wir kommen von weit her. Wir brauchen Wasser
Das Wasser ist heilig. Ihr bringt nur Blut. Blut für den der in der Tiefe lebt
Wir wollen kein Blut. Wir wollen Wasser
Ihr habt die unseren getötet. Ihr habt den der in der Tiefe lebt geweckt.
Ihr habt uns angegriffen. Wir wollen kein Blut. Nur Wasser. Wir gehen nicht ohne Wasser. Wir haben keine Wahl.
Es folgte Stille und Geflüster
Ihr habt den der in der Tiefe lebt geweckt. Ihr wollt Wasser? Dann fordert den der in der Tiefe lebt?
Wen meint ihr? Den Wurm?
Doch niemand antwortete mehr. Es folgte ein Rascheln in der Dunkelheit und dann waren wir alleine in der großen Halle. Wir standen ziemlich ratlos da als plötzlich ein Schatten durch das große Wasserreservoir fuhr und dann - bevor irgendjemand reagieren konnte - schoss eine pechschwarze Masse aus dem Wasser empor und verschlang Otiak von Kopf bis Fuß. Ich kann das Entsetzten das mich packte nicht beschreiben. Im Licht der Fackeln sah ich dass es sich bei der schwarzen Masse nicht um einen Wurm sondern um dutzende schleimig nasse Würmer handelte. Dann plötzlich war Nelma da und drosch mit ihrer Fackel mitten in die glitschige Masse hinein. Der Wurmschwarm zerfiel in seine Einzelteile und gab Otiak frei. Ich hörte wie jemand rief: Feuer. Feuer verletzt es! und dann fügte sich die Masse auch schon wieder zusammen und baute sich vor mir auf. Ab diesem Punkt ist meine Erinnerung sehr lückenhaft. Ich weiß, dass ich meine Mutation benutzt und Feuer gespuckt habe. Die Anderen haben dem Biest dann vollends den Rest gegeben.
Der Rest ist schnell erzählt. Luthrell - das ist der Anführer der Guhls - hat sein Versprechen eingehalten. Wir haben so viel Wasser wie wir tragen können und morgen kehren wir in die Arche zurück. Es wird eine Weile reichen aber nicht für immer. Wir haben sehr viel Glück gehabt und werden noch mehr brauchen um sicher wieder nach Hause zu kommen.
In meinem Körper rumort es. Ich spüre wie die Mutation voranschreitet. Es ist unheimlich aber auch irgendwie aufregend.
Maxim
Chronist
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